Da ist das Kind. Da die Erkrankung. Und da, da ist seine Zukunft. Der möglichst beste Weg. Über die Qualität in der Sehfrühförderung.

Eltern erfahren meist sehr früh die erste Diagnose einer Sehschädigung. Augenärzte weisen betroffene Eltern auf die Möglichkeit einer Sehfrühförderung hin. Mit dem ersten Anruf der Eltern bei einer Sehfrühförderstelle beginnt die Arbeit des Teams.

Hochindividuell

In 25 Jahren Tätigkeit als Sehfrühförderin ist mir noch nie ein Kind mit identischer Diagnose begegnet, das in selber Weise auf ein Angebot oder eine Idee reagiert hätte wie ein anderes. Für diese Ausgabe der „aufeinander schauen“ bat ich den Vater von Florian um die Reflexion seiner Erfahrungen (siehe Box). Das Interview zeigt, qualitätsvolle Arbeit äußert sich im ausgewogenen Mix von Empathie, vom pädagogischem, methodischem und teils medizinischem Know How sowie dem nötigen Respekt vor dem System in der jeweiligen Familie. Nicht zuletzt zeigt sich die Qualität in der Begegnung mit dem Kind auf dessen individueller Ebene.

Jede Familie, der ich begegne, hat ein anderes „Setting“, eine jeweils persönliche Art, mit der Diagnose, der Betroffenheit oder Trauer umzugehen, jede Familie hat unterschiedliche Fragen, Reaktionen und Ressourcen, auf die sie zurückgreifen kann.

Im Laufe der Monate und Jahre gibt es einerseits immer wieder verschiedene „Phasen“ der Entwicklung des Kindes und andererseits der Aufarbeitung der Behinderung durch das „System Familie“. Es gibt Erfolgserlebnisse, Freude und Stolz ebenso wie Krisen oder Schwierigkeiten und Rückschläge. Bei manchen Kindern sind die Prognosen der Mediziner und Therapeuten vielversprechend, bei anderenniederschmetternd. Pädagogische und methodische Ansätze sowie Fördermaterialien kommen bei einem Kind sofort an, bei einem anderen sind mehrere Anläufe nötig.

Über Jahre hinweg

Viele Kinder mit Sehbehinderung oder Blindheit begleitet die Sehfrühförderung über sechs Lebensjahre hinweg. Es gibt zwei markante Schnittstellen in dieser Zeit: der Besuch des Kindergartens und der Schuleintritt. Mit dem Kind erarbeitet die SFF die neue Umgebung, gestaltet diese taktil oder visuell interessant und markiert beispielsweise Stufen und Eingänge. Weiters können diese Themen und andere, für das Kind oder die Familie wichtige Fragen mit Fach- oder ausgewählten Kinderbüchern oder anhand von Rollenspielen aufgearbeitet werden.

Schließlich kommt es beim Schuleintritt des Kindes oder wenn eine Sehfrühförderung weder pädagogisch noch medizinisch indiziert ist, zum Abschluss der Sehfrühförderung. In dieser Phase hält die Sehfrühförderung gemeinsam mit der Familie Rückschau auf die wichtigsten Stationen der gemeinsamen Arbeit, versucht offene Entwicklungsfragen, die Zukunft betreffend, so gut wie möglich zu klären und findet mit dem Kind und den Eltern ein Abschiedsritual oder eine besondere Abschiedseinheit, beispielsweise mit einem Ausflug.

Die oftmals strahlenden Augen der Kinder, die freudig – erregte Erwartungshaltung, was wohl heute wieder in der Fördereinheit auf das Kind zukommt, sowie die großteils positive Rückmeldung und konstruktive Zusammenarbeit mit den Eltern machen die Arbeit einer Sehfrühförderung besonders erfreulich und wertvoll.

Petra Schuppler, dipl. Sehfrühförderin

Fotos: Petra Schuppler

Interview-Box    Florians Vater

Sie haben sich bei der Sehfrühförderung Ihres Kindes für das Odilien- Institut entschieden?
Ja, das war vor langer, langer Zeit. Wir sind aus der Gegend und verbinden nur Positiven mit dem Odilien-Institut.

Welche Kriterien sind für Sie hinsichtlich der Qualität in der Sehfrühförderung wichtig?
Wir mussten die Sehfrühförderung ja ins Haus lassen. Es muss die Chemie stimmen zwischen der Frühförderin, dem Kind – und natürlich den Eltern.

Ihr Kind besucht bereits einen Kindergarten. War die Sehfrühförderung in diesem Zusammenhang hilfreich?
Ja! Allein durch die Teilnahme an Besprechungen und besonders die Einschätzung Florians Entwicklung aus fachlicher Sicht.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit der Sehfrühförderung?
Wirklich gut. Am Ende der Einheiten gibt’s etwa 15 Minuten Nachbesprechung. Da werden Erlebnisse aus der Einheit reflektiert und bereits sichtbare Ergebnisse diskutiert. Das ist wichtig, weil beim „Reden kommen die Leut zsamm“. Da konnten wir schon oft vom Netzwerk der Sehfrühförderung profitieren, im Sinne von: „Wir brauchen für Flo dieses oder jenes. An wen/welche Stelle sollen wir uns wenden?“ Da kommen immer hilfreiche Antworten.

Haben Sie Anregungen oder Empfehlungen für das Team der Sehfrühförderung?
Anregung? Nichts Allgemeines. Persönliches wurde immer gleich angesprochen. Die Chemie zwischen Sehfrühförderin, Kind und Eltern muss stimmen. Wenn’s nicht passt, sollten Eltern und Sehfrühförderung sich nicht scheuen, das anzusprechen, um es zu Wohle aller in neuer Konstellation versuchen zu können.

Factbox

Umfassende Information über das Angebot und die Tätigkeit sowie Rahmenbedingungen der Sehfrühförderung
Laufende pädagogische Diagnostik des Sehvermögens und aller wesentlichen Entwicklungsbereiche eines Kindes
Erstellung eines individuellen Förderplanes und Durchführung regelmäßiger zielgerichteter Fördereinheiten
empathische und respektvolle, kindgerechte Arbeit
Beratung und Begleitung der Eltern bei Fragen rund um die Sehschädigung und die Entwicklung des Kindes
Anbieten von Selbsterfahrung für die Familie und nach Wunsch für Therapeutinnen oder Pädagoginnen, die mit dem sehbehinderten Kind arbeiten.
Beratung und Begleitung bei der Antragstellung für Sehfrühförderung und bei Kontrollen in der Augenklinik
Regelmäßige Reflexion, Intervision und Supervision
Regelmäßige Fachweiterbildung
Teamfähigkeit, Verlässlichkeit und Verschwiegenheit sowie genaue Dokumentation und wirtschaftliche Routenplanung.